Schuleingangsprojekt

Die Aufnahme der neuen Schüler in unsere Schulgemeinde

Die Sonnenstrahlen fielen durch die matten Fenster der vertrauten Predigerkirche, als die Abiturienten unseres Evangelischen Ratsgymnasiums in einem feierlichen Gottesdienst ihre Abiturzeugnisse überreicht bekamen. Nun noch der Abiturball – wie jeden Sommer ein großes Ereignis für uns mit vielen gemischten Gefühlen – dann müssen wir sie ziehen lassen, in der Hoffnung, sie in bestem Sinne geprägt, geformt, gebildet zu haben. Tröstlich der Gedanke, dass einige immer wieder zurückkommen, um zu berichten und um zu sehen, ob alles noch so ist, wie es einmal war.

Einst kamen diese Abiturienten als Kinder zu uns, mit der Zuversicht, dass am Ratsgymnasium der vor ihnen liegende Weg das Ziel sei; und nun empfangen wir voller Erwartung - wohl auf beiden Seiten - unsere neuen Fünftklässler, Kinder aus Familien, denen unser Erziehungskonzept am Herzen liegt, wie wir in den vielen Stunden der Bewerbungsgespräche herausfinden durften.

Wir wissen um die Scheu dieser Kinder, was all das Neue anbetrifft, das Schulgebäude, die vielen neuen Lehrer, „die Großen“, die Klassenkameraden, die vielen neuen Unterrichtsfächer, die Anforderungen, die Erwartungen der Eltern, die Zensuren etc. Auf ihre Bedürfnisse stellen wir uns besonders in den ersten Wochen ein, indem wir ihnen von Anbeginn ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens zu geben versuchen, damit sie sich dann mit Freude und innerer Bereitschaft auf die neuen Inhalte einlassen können. Diese rasche Vertrautheit erreichen wir dadurch, dass die Kinder die ersten beiden Schultage mit ihrem Klassenlehrer ganz unter sich bleiben, um sich untereinander bekannt zu machen und um gemeinsam ihre neue Umgebung auf besondere Weise zu erkunden: Herr Pfarrer Staemmler lädt in dieser Zeit zu einer kindgemäßen Führung ein, über den kastanienbewachsenen Schulhof, der einst Mönchsfriedhof gewesen ist, durch die eindrucksvolle Predigerkirche – unsere Schulkirche. Dort darf man sich an den goldenen Lüster hängen, um ihn herabzuziehen (nicht ohne seine ungewöhnliche Geschichte zu erfahren) und kann den Altar eigenhändig aufklappen, um dann zu hören, was es über ihn zu erzählen gibt. Vorbei an den geheimnisvollen Grabplatten schlängelt sich die Gruppe durch den Hintereingang ins Predigerkloster und dann in den Klostergarten.

Auch die Schule mit all ihren „guten Geistern“ wird ganz genau in Augenschein genommen. Am Samstag dann werden die Familien dazugeladen, denn auch sie sollen sich in die Schulgemeinde eingebunden fühlen. Gemeinsam begehen wir den feierlichen Gottesdienst zu Schuljahresbeginn, in dem alle neuen Kinder namentlich vor den Altar gerufen werden, um dort eingesegnet und in die Schulgemeinde aufgenommen zu werden. Sie bekommen von ihren „Paten“, ältere Schüler, die sich um ihre Bedürfnisse kümmern und die sie in der Eingangswoche schon kennengelernt haben, einen handgeschriebenen Psalm mit „auf ihren Weg“. Anschließend verbringen wir den übrigen Vormittag zusammen mit unseren neuen Familien auf dem Galeriehof, dem Schulhof der Jüngsten, bei Kaffee, Saft und Plätzchen.

Schließlich beginnt die erste Unterrichtswoche nach Plan: Die Fachlehrer stellen sich und ihre Unterrichtsfächer vor, indem sie alle aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus demselben Thema zuarbeiten: „Das Evangelische Ratsgymnasium, meine neue Schule“. Eine Projektwoche mit der Absicht, den Kindern mit Hilfe des fächerübergreifenden Unterrichts zu zeigen, dass jedes Fach ein wichtiger Bestandteil des Ganzen ist. Und ganz nebenbei gewinnen die Kinder an Sicherheit und Zutrauen...

Am Freitag Mittag können sich die Eltern ein Bild davon machen, wie unsere frischgebackenen Fünftklässler ihre ersten Tage bei uns verbracht haben: Da tummeln sie sich alle in der Aula und berichten von ihren Eindrücken vom „Schuleingangsprojekt“: Im Fach Mathematik haben sie möglicherweise den Schulhof vermessen, in Religion den Grundriss des Klosters erforscht, in Englisch präsentieren sie vielleicht eine kleine Szene in englischer Sprache, im Lateinunterricht lernen sie Römische Schule kennen, um sie im Rollenspiel mit den ersten lateinischen Wörtern nachzuspielen und sie mit ihren eigenen Vorstellungen von Schule in Beziehung zu setzen etc.

Nach diesen für unsere neuen Schüler ereignisreichen Tagen entlassen wir sie in ein wohlverdientes Wochenende. Bald darauf wird man zum Elternabend einladen, um sich vom seelischen Wohlbefinden der einzelnen Kinder zu überzeugen und die ersten Eindrücke entgegenzunehmen.